Rezensionen Brachvogelweg 92

Ein Buch wie ein Molotowcocktail

 

Manchmal kommt ein Buch von der Seite.

Hineingeschleudert in die literarische Szenerie wie ein Molotowcocktail.

 

Das ist der Fall bei Oliver Steinkes autobiographisch grundiertem Roman Brachvogelweg 92 erschienen in dem unkonventionellen Haßlocher Kleinverlag Brot und Kunst.

So stürmisch und frisch, so frei von wehmütiger Nostalgie erzählt das Buch von den Kämpfen, Hoffnungen und Gefühlen zweier linksautonomer Freunde im Jahr 1992, dass sich wohl nicht nur die, die damals selbst dabei waren, zurückversetzt fühlen dürfen in dieses Scharnierjahrzehnt zwischen den großen Ideologien und einer agnostisch ironischen Postmoderne. Es waren die Nachwendejahre, in denen der Kapitalismus ultimativ gesiegt zu haben schien, während zugleich neue Widersprüche in der Gesellschaft aufbrachen. Die autonome Gegenkultur hatte großen Zulauf. (…) Auf den ersten Blick gehört Steinkes Roman zum Autor beglaubigten Hyperrealismus. (…)

 

Aber dieser Coming of Age Roman ist mehr als ein engagiertes Erinnerungsalbum. Der Autor hinterfragt viele der einstigen Überzeugungen und zelebrierten Feindschaften. So fällt etwa der Bruch mit einem integren, loyalen Freund, der Polizist geworden ist, auf den Erzähler zurück. Zudem rücken die anfangs in gekonnter Beiläufigkeit erwähnten Beziehungen der Protagonisten mehr und mehr in den Fokus. Während die beiden nämlich noch glauben, das Private sei politisch wird das Politische hier privat. Der Erzähler liebt die Kurdin Samira, eine Philosophiestudentin, doch angesichts des von ihr auffällig oft erwähnten Kommilitonen Bernd, nimmt er insgeheim Abstand von der anarchistischen Idee wirklich alles brüderlich zu teilen. Das wird mit viel Witz erzählt.

 

Im Mittelpunkt steht allerdings die zwischen Selbstbetrug, bitterer Eifersucht und höchster Euphorie pendelnde Liebesbeziehung von Hannes und der Libanesin Leyla. Eine Tragödie von fast klassischem Format. Hannes also schlittert in eine Ménage-á-trois. (…) Eine revolutionär erotische Auflösung wie in Bernardos Bertoluccis 68 er Film Die Träumer ist freilich nicht mehr im Angebot. In diesem doppelten Unterlaufen des heroischen Gegenkultursettings ist die Erzählung am stärksten. (…) Die Mittel, die Steinke einsetzt, beherrscht er bravourös. So erzählt sein Roman mit viel Schwung von linken Utopien und von einem Scheitern, das letztlich schicksalhaft wirkt.

 

Oliver Jungen, Büchermarkt vom 7.6.2022 im Deutschlandfunk

 

 

 

 

 

Das Buch einer Generation - Ein intensives Leseerlebnis

 

Oliver Steinke legt mit „Brachvogelweg 92“ ein Buch vor, das mitten hinein führt in die Hausbesetzer- und Antifa-Szene der 1990 er Jahre mit ihren zum Teil heftigen Auseinandersetzungen mit Neonazis und Polizei. Aber auch große Gefühle kommen nicht zu kurz – ein intensives Leseerlebnis also.
Man steckt von der ersten Zeile an gleich mitten drin im Sog: Man erlebt Adrian, Ich-Erzähler und damit so etwas wie der Hauptprotagonist des Romans, auf einer wilden Flucht durch fremde Gärten und über fremde Zäune. Dicht an den Fersen hängt ihm eine Gruppe von Neonazis, mit denen er zuvor auf dem Parkplatz vor der örtlichen Disco einen Streit begonnen hat. Weil er die feixenden Skins mit ihren Hitlergrüßen nicht ertragen konnte. (…)
Nicht alles, was er schildere, sei wirklich genau so passiert, schränkt der Autor zwar ein, das meiste aber schon– etwa die ständigen Prügeleien mit den örtlichen Nazis in Nordfriesland und Flensburg, dem zweiten Hauptschauplatz, die konspirativen Schutzaktionen für bedrohte Flüchtlingsheime oder auch die Erlebnisse im „Münchner Kessel“ bei den Protesten gegen den G7-Gipfel 1992 in der bayerischen Hauptstadt. (…) So erzählt der Roman also in schlaglichtartigen Szenen mit Rückblenden, Zeitsprüngen und Nebenhandlungen, wechselnden Erzählperspektiven (…), von einer ganz besonderen Subkultur, die inzwischen auch schon wieder historisch geworden ist. Man erlebt Punk-Konzerte von zweifelhafter Qualität und verstiegene Diskussionen in irgendwelchen K-Gruppen.

 

Es wird über Polizeigewalt in den USA diskutiert, über die „Abschaffung des Staates“ phantasiert, aber auch ein anderer Freund Adrians ins Bild geschoben, der zur Polizei gegangen ist und den erklärten Anarcho-Syndikalisten ihre „Weltfremdheit“ vorhält. (…) Dass Polizei und Verfassungsschutz in den 90 er Jahren auf dem rechten Auge blind waren, bewies die NSU-Mordserie später allerdings auch den letzten Skeptikern. (…)

 

Auch wenn die Mittel fragwürdig waren, am Ziel einer herrschaftsfreien, gerechten Welt hält Adrian nach wie vor fest:

„Es wird eine Zeit kommen, in der unser Kampf die Paläste der Reichen erreichen wird. Doch nicht, um sie niederzubrennen, sondern um gemeinsam darin zu wohnen, zu feiern, zu tanzen“, heißt es gegen Ende. (...)


Herausgekommen ist so letztlich das Buch einer Generation, dem man vielleicht nicht in allem folgen mag, aber nichtsdestotrotz viele aufgeschlossene Leser wünscht.

 

Holger Pöschl, Die Rheinpfalz

Druckversion Druckversion | Sitemap
Text und Fotos by Oliver Steinke, alle Rechte vorbehalten!