Das Alphabet hört nicht mit „Q“ auf!

 

Spätestens, wenn sich 2017 Martin Luthers 95 Thesen von Wittenberg zum 500 mal jähren, sollte man nicht nur der so eingeleiteten Reformationszeit insgesamt, sondern auch einer ihrer unbekannteren Strömungen gedenken. Weniger einflussreich als die Lutherischen Kirchen in ihren vielen Variationen, hat sie dennoch nie aufgehört zu existieren:

 

Gemeint sind die „Täufer“.

 

In ihrem großen historischen Roman „Q“ schildern nun vier italienische Autoren unter dem gemeinsamen Pseudonym „Luther Blisset“ das Leben eines zunächst namenlosen Rebellen aus ihren Reihen, der in Deutschland, den Niederlanden und Italien für eine andere Gesellschaft kämpft.

Denn die Täufer wandten sich nicht nur gegen die Kirchenhierarchie, sondern gegen jede Obrigkeit: „Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?“, fragten sie mit den Bauern, die ihre alten Rechte einforderten. Aber mit dem später als „Brunnengert“ in Münster geliebten und gefürchteten Rebellen Schritt hält sein Widersacher „Q“, der als Spion im Auftrag reaktionärer Kreise gegen evangelische Prediger vorgeht.

Bereits als Jugendlicher begleitet Brunnengert den Reformator Thomas Müntzer auf dessen Odyssee, bis es ihnen gelingt, im thüringischen Mühlhausen eine neue Ordnung zu errichten. Es folgt die Schlacht bei Frankenhausen, die mit einer vernichtenden Niederlage der 8000 Aufständischen endet. Thomas Müntzer wird gefangen, gefoltert und hingerichtet. Sein junger Gefährte aber rettet einen großen Teil dessen Briefe und erkennt hier zum ersten Mal, dass die Bauern in Frankenhausen von einem Verräter in eine Falle gelockt worden waren.

Die Unruhen von 1525 verheerten ganze Landstriche, auch Neustadt war Schauplatz des im Roman geschilderten Bauernkrieges, wobei hier die Bürger rebellierenden Bauernhaufen die Stadttore öffneten, nachdem die Kästenburg mit ihren riesigen Weinvorräten und die Wolfsburg eingenommen worden waren.

Für einen kurzen historischen Augenblick waren die Aufständischen in der Pfalz so stark, dass Kurfürst Ludwig der V. mit ihnen in Forst verhandeln und Zugeständnisse machen musste. Wenige Wochen später jedoch, nach der katastrophalen Niederlage der Bauern bei Pfeddersheim bestrafte Ludwig die Neustadter für ihre Solidarität und ließ acht führende Bürger enthaupten. Zurück zum Roman: In Begleitung des pfälzischen Kurfürsten zog möglicherweise „Q“, ein Spion, heute würden wir „verdeckter Ermittler“ sagen, des erzkonservativen Giovanni Carafa aus Rom.

Immer deutlicher entpuppt er sich als der große Gegenspieler der Bauern, der städtischen Armen, und radikalen Prediger des Evangeliums.

Acht, neun Jahre später, nach blutiger Verfolgung, 350 Täufer werden 1529 allein in Alzey  ermordet, gelingt es dem radikalen Flügel der Protestanten, die große Stadt Münster in Westfalen zu erobern. Hier nun scheitern die von ihren Feinden „Wiedertäufer“ genannten auch an sich selbst, unter ihnen verbreiten sich Tyrannei und Wahnsinn, Brunnengert ist einer der wenigen, die dem humanen Traum treu bleiben wollen. Im Gegensatz zu anderen Anführern, deren schaurige Käfige noch heute am Münsteraner Dom hängen, entkommt er auch hier dem Strafgericht des Bischofs Waldeck und der weltlichen Herren.

Als er in Antwerpen einen anderen Überlebenden aus Münster trifft kommt es zu einer Aussage, die das Wesentliche an „Q“ einfängt: „Sag mir, dass die Sache, für die wir gekämpft haben, nicht falsch war“, wird er aufgefordert. „Ich beiße die Zähne zusammen, balle die Fäuste: ‚Das habe ich nie gedacht, nicht einen Augenblick.‘“

 

Von den Niederlanden aus beteiligt sich Gert nun an einem großen Bankbetrug an der mächtigen Kaufmannsfamilie Fugger aus Augsburg, auf deren Geld Kaiser und Papst angewiesen sind. Folge: Die Fugger verlieren ein Vermögen.

Die Vorgabe zu diesem Coup gab möglicherweise die in den 1970 Jahren tatsächlich so abgelaufene massenweise Fälschung von Schecks der amerikanischen Citty Bank durch den anarchistischen Maurer und Drucker Lucio Urtubia.

 

Alles an „Q“ sprengt den Rahmen des Gewohnten: 700 Seiten werden, einmal eingetaucht, in wenigen Tagen in einem spektakulären Leserausch verschlungen. Dieser ungewöhnliche Roman mit seinen schillernden Facetten und atemberaubenden Wendungen, besitzt mit Absicht kein Copyright und holt vergessene Freiheitskämpfe in die Gegenwart, um sie so unsterblich zu machen. Von den Städten Thüringens führen sie uns über die Niederlande und Münster nach Venedig und schließlich gar nach Konstantinopel: Eine sprachlich wie inhaltlich unvergessliche Reise im Kampf für soziale Gerechtigkeit und Gewissensfreiheit.

 

LESEZEICHEN Luther Blissett: Q, historischer Roman aus dem Italienischen von Ulrich Hartmann, Assoziation A 2016, 704 Seiten, Paperback ISBN 978-3-86241-450-5, 19,80 €

Erschienen im September 2016  - Rheinpfalz

 

 

 

 

Wu Ming: Altai

 

 

Der Traum von der Gleichheit

 

 

Venedig 10. Dezember 1569 Als Explosionen einen Teil der Hafenwerkstätten in Brand setzen, soll Emanuele de Zante, Mitarbeiter des Geheimdienstes der Lagunenstadt und Seemacht, den Schuldigen finden. Auf Anweisung von Chef Nordio muss ein gewaltiger, bösartiger Schurke her, der eine Verbindung zu Venedigs größten Feinden haben soll, besonders zu dem in türkischen Diensten stehenden jüdischen Handelsherrn Joseph Nasi.

Dumm nur, als sich das Feuer lediglich als ein aus dem Ruder gelaufener Sabotageakt von einfachen Arbeitern herausstellt, vor allem aber, dass de Zantes Geliebte ihn zeitgleich bei der Inquisition denunziert. Und zwar als heimlichen Juden, da er beschnitten ist. Folglich steht der noch junge Mann von einem Augenblick auf den nächsten selbst als Verantwortlicher für die Explosionen dar.

Knapp kann er entkommen, allerdings gelangt er nur bis zu seinem nicht allzu weit entfernten Geburtsort und wird dort überwältigt. Doch nicht von seinen ehemaligen Gefährten, den Schergen Nordios, stattdessen verfängt er sich im Spionagenetz der Türken.

Durch den Verrat seines Meisters auf seine eigenen jüdischen Wurzeln zurückgeworfen, lernt der Gefangene zunächst Thessaloniki, die Stadt der Sepharden kennen, der aus Spanien vertriebenen Juden. Von dort wird er in die Metropole Konstantinopel gebracht, wo er auf den großen Gegenspieler Venedigs trifft: Auf „Guiseppe Nasi. Der Verdammte. Der Verfluchte. Der Teufel in Person. Der Lieblingsjude des Sultans.“

Aber durch die Seelen- und Geistesgröße dieses Mannes wird der ehemalige Offizier Nordios umgedreht, nimmt wieder den von seiner jüdischen Mutter geerbten Namen „Manuel Cardoso“ an und beginnt für Joseph Nasi zu spionieren. „Altai“, so heißen die schnellen Falken aus dem gleichnamigen Gebirge im Osten, Vögel, die von einem Herrn zur Jagd abgerichtet werden, aber aus freier Entscheidung heraus immer wieder zu ihm zurückkehren. Manuel Cardoso wird also zu Nasis „Altai“ Falken, der diesem helfen will, seinen großen Traum zu verwirklichen: Ein jüdisches Königreich auf Zypern.

Aber auch ein enger Freund des jüdischen Handelsherren fesselt Cardosos Aufmerksamkeit: „Ismael“, ein sonderbarer Alter, der, wie es scheint, in einen Aufstand schiitischer Bauern am Randes des osmanischen Imperiums verwickelt war und hinter dem sich niemand anderes verbirgt als ein an das andere Ende der Welt verschlagener Deutscher, ein überlebender Täufer aus der Kommune von Münster, „Brunnengert“.

Sein jetziger Name „Ismael“ steht als Prophet Ismael „Gott hat erhört“ zum einen für die Verbindung zwischen Juden und Arabern. „Ismael“ ist aber auch der einzige Überlebende des Walfängers Pequod, das vom weißen Wal zerschlagene Schiff. Von den Ereignissen kann nur ein Mann Zeugnis geben: Ismael.

Gert oder Ismael und sein Kampf um ein neues Zion werden in „Altai“ einmal mit einem Fluss verglichen: „Ismael war der Fluss, der zur Wolke wird, die Wüste überquert, in den Bergen abregnet und wieder zum Fluss wird.“

Auch die Romane „Altai“ und „Q“ verwandeln sich in Wolken, um die Wüste der Imperien hinter sich zu lassen, sie regnen bereits und neue Flüsse entstehen!

Die Autoren „Wu Ming“, die „Namenlosen“, Schriftsteller und anarchistische und kommunistische Aktivisten, haben mit großem Können unvergessliche Werke geschaffen.

Denn literarisch gesellen sich diese zu den besten historischen Romanen von Alexandre Dumas, Walter Scott, Arturo Pérez-Reverte, Bernard Cornwell oder Gillian Bradshaw. Dazu erweist sich Klaus-Peter Arnold als kongenialer Übersetzer aus dem Italienischen, der die wundervolle Sprache einzufangen und unverstellt wiederzugeben vermag.

 

Inhaltlich stoßen die Autoren in die Tiefen der Fragen vor, wie Herrschaft und imperiale Macht entstehen, wirken und sich immer wieder erneuern können, anderseits aber auch, warum es sich lohnt, für ein Leben in Gleichheit, Freiheit und Achtung voreinander zu kämpfen.

Wen diese Fragen beschäftigen, den können diese Romane nicht kalt lassen.

 

Oliver Steinke

 

 

 

Rezension aus Graswurzelrevolution März/libertäre Buchseiten 2017

 

 

Wu Ming: Altai Aus dem Italienischen von Klaus-Peter Arnold

Verlag Assoziation A| 352 Seiten | Hardcover | 24,00 € |ISBN 978-3-86241-452-9

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Text und Fotos by Oliver Steinke, alle Rechte vorbehalten!