„Der
wahre Sinn der Kunst liegt nicht darin, schöne Objekte zu schaffen.
Es ist vielmehr eine Methode, um zu verstehen. Ein Weg, die Welt zu
durchdringen und den eigenen Platz zu finden.“ Paul Auster
Warum ich zu schreiben anfing:
Die
vergangenen und sogar die noch anhaltenden Kämpfe um Land und Freiheit
waren und sind heute kaum gegenwärtig. Selbst der Aufstand im
südmexikanischen Regenwald ist nunmehr über fünfzehn Jahre her und -
obwohl unbesiegt - werden die Zapatisten von den gesteuerten Themen der
Mainstreammedien verdeckt. Verblüffend und enttäuschend, wie gleichgültig selbst
diejenigen den vergangenen sozialen Revolten gegenüberstehen, die sich
in der Tradition der damaligen Freiheitskämpfer/innen sehen. Viele sind
aber auch noch gar nicht weiter mit libertärer Geschichte oder Ideen in
Kontakt gekommen. Also will ich versuchen, die Vergangenheit auf eine
populärere Art einzufangen, nicht nur als kurzen Lexikoneintrag oder
gar als trockene Fußnote im abgehobenen akademischen Treiben. Möchte helfen, die
Verbannung der Libertären aufzuheben, der Narren mit „den Idealen Don
Quichottes“. Horst Stowasser hat dies unter anderem in seinem Klassiker "Leben ohne Chef und Staat" und in seinem Grundlagenwerk "Anarchie" für
die Nicht-Fiktion unerreichbar gut gemacht. Ich wollte die Libertären
neu in die Literatur holen. An ihr Wirken in den beiden großen sozialen
Revolten im Europa des 20. Jahrhunderts erinnern, die an den entgegen
gesetzten Enden des Kontinents stattfanden: Im Osten die Russische
Revolution 1917-1921 im Westen die soziale Revolution während des
spanischen Bürgerkriegs 1936-1939. Beidemale waren es "Kommunisten",
die die Freiheit in der Revolution niederschlugen. Die Kronstädter
Matrosen hatten in der Revolution 1917 in St.Petersburg in der ersten Reihe gekämpft. Die
Partisanenarmee von Machno hatte die Weißen Armeen Denikins und
Wrangels geschlagen. Doch Kronstadt wurde von der Roten Armee
gestürmt, die ukrainischen Bauern massakriert, Machnos Reiter
verraten. Mein 1. Roman handelt davon, - aufgrund der romantischen
Ader des Verlegers sollte er „Die Flamme der Liebe und des Aufstandes“
heißen. Er war recht begehrt. Und das obwohl, aller Anfang ist schwer,
er vielleicht einige Schwächen aufweist, genauso wie der zeitgleich entstandene
historische Mittelalter Roman „Das Auge des Meerkönigs“. Durch
das Schreiben vertiefte sich meine Liebe zur Literatur. Ich las
Tolkien, Preußler, Cooper, Steuben und Dumas in der Jugend, dann
Bradshaw, Simmel, Remarque und Orwell. Jetzt kamen Arturo Pérez-Reverte, Yasar Kemal
hinzu und ich verlor mich mit Paul Auster. "Ändere die Welt?!“, sicher!
Aber ändere erst Dich: Man kann sich auch und gerade in den Kämpfen
um seine Ideale verlieren. Landschaften des Glauben, die sich als Täuschungen
herausstellten, führten zum „Auftauchen, um Luft zu holen“.
Wie viele meiner Kollegen hatte ich in meiner Jugend Gedichte
geschrieben. Einem kleinen Verleger gefielen sie so gut, dass er sie
veröffentlichen wollte, - er tat es zwar nicht, stattdessen löste er
seinen Verlag auf, aber zumindest hatten die Worte ihn berührt. Diese
Gedichte sind einer von vielen Wegweisern der spirituellen Suche. Meine
nur ungefähr in Worte zu fassenden Fragen und die geflüsterten
Antworten hinter der anderen Seite der Tür - von wem? Verwischende Farben der
Wirklichkeit und ein kaum hörbarer Seufzer der Sehnsucht. Da war die
Begegnung mit dem Londoner Arzt David Kessel, einem Lyriker, der vielleicht in
einigen Jahren in einem Atemzug mit Trakl genannt werden wird aber heute
weitgehend unbekannt ist. Bewunderung für Burnicki und Halfbrodt: Der
eine vereint in seinen Gedichten Kraft, Witz und eine große
Zärtlichkeit, der andere ist zudem einer der besten Übersetzer aus dem
Französischen ins Deutsche. Wieso
also schreibe ich? Die meisten Menschen, ich kann mich da nicht
ausnehmen, sind anfällig für die Verführungen von Ruhm und materiellem
Erfolg. Was bedeutet es aber, mit dem Strom zu schwimmen, Inhalte zu verkaufen, - in der Schöngeisterei mitzureden, die alles sagt, außer dem Wesentlichen, - während Mumia Abu
Jamal, Leonard Peltier und zigtausende andere Jahre und Jahrzehnte
unschuldig im Gefängnis sitzen oder gar vom Tod bedroht sind oder ermordet werden? Eine Welt, in der ein Menschenleben nur zählt,
wenn es ein Profitinteresse dabei gibt? Worte sind Pfeile, Pinsel,
Farben, Steine, manchmal Speere. Sie zielen auf die Wirklichkeit: Auf
die der Vergangenheit und mit ihr die der Gegenwart, vor allem aber auf
ihre mögliche Verwandlung. Juni 2009, Oliver Steinke